Mit den Fragen “Was verbindest du mit dem Format Radio” oder “Was bedeutet Radio für mich” konfrontiert zu werden kann tolle Geschichten, aber auch ambivalente Gefühle hervorrufen. Timo Gertler, wissenschaftlicher Volontär im Museum für Kommunikation Frankfurt, besitzt zwar keine Lieblingsgeschichte, aber teilt hier eine prägende Erzählung mit uns:

“Mein erster Impuls war es, an dieser Stelle vom Radio als Bestandteil der Alltagskultur zu erzählen. Denn als solches habe ich das Radio kennengelernt. Allgegenwärtig. Vom elterlichen Wohnzimmer bis zum Auto, kein Tag verging ohne Radio. Es war das Hintergrundrauschen des Alltags. Als gebürtigem Berliner hätte mir beim Motto des RIAS – „Eine freie Stimme der freien Welt“ – klar werden können, dass Radio eine viel größere Bedeutung innehat, doch dafür war ich zu jung. Stattdessen dominierte, für mich, als sorgenfreies Kind der 1980er Jahr, mit RIAS-2 & Co der Rock und Pop. Es sorgte, ohne das Konzept der Soft Power zu verstehen, als unaufgeregter Begleiter für ein angenehmes Ambiente. Musikgenuss, Entspannung, Zerstreuung: Alles in allem also eine harmlose Angelegenheit.

Dass Radio auch ganz anders sein kann, belegt die Geschichte jedoch ein ums andere Mal. Die umfangreiche propagandistische Nutzung des Mediums im deutschen Nationalsozialismus ist hinlänglich bekannt. „Der Rundfunk gehört uns“, postulierte Joseph Goebbels bereits 1933. Im gleichen Jahr wurde der Volksempfänger (VE 301) vorgestellt und bis 1941 stieg die Anzahl von Haushalten mit Radiogeräten auf 65%. Radio avancierte zum Leitmedium. Es ist in seiner nun über 100 jährigen Geschichte ein Medium mit vielen Facetten. Ob gleichgeschaltetes Propagandainstrument, faktenstarkes Informations- und Nachrichtenprogramm, Kultursendung oder musikalisches Begleitmedium à la adult contemporary: die Formate sind ebenso vielfältig, wie die inhaltliche Ausrichtung.

Ausstellungsansicht aus “ON AIR. 100 jahre Radio”

Die Verbindung von politischer Agenda und vermeintlich anspruchsloser Unterhaltung kann jedoch eine verheerende Wirkung haben, wie die Geschichte des Senders Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) in Ruanda zeigt. Während des Völkermordes der Hutu an den Tutsi im Jahr 1994 fungierte der Sender als Sprachrohr der extremen Hutu-Bewegung und verbreitete Hasspropaganda. Die Zielgruppe der Sendungen im Talk-Show-Stil mit Untermaldung durch Popmusik waren Jugendliche.

In einer agraisch geprägten Gesellschaft mit sehr geringer Alphabetisierungsrate, stellte das Radio oft die einzige Informationsquelle dar. Die in der kolonialen Vergangenheit von Deutschland und Belgien verfestigte, künstliche Differenzierung zwischen Hutu und Tutsi wurde weiter verschärft. Die Saat von Verleumdungen und Falschinformationen ging auf und Botschaften wie „tötet so viele Tutsis wie möglich“ waren unmissverständlich. Aus Familien und Nachbarn wurden schließlich Mörder und Opfer. 

 

Der ruandische Bürgerkrieg, so Milo Rau, habe einen festiven Charakter und sei fast mit einer Jugendbewegung zu vergleichen. Getrieben von Bedrohungsszenarien und Parolen sowie an Musik berauscht, töteten überwiegend männliche Jugendliche in 100 Tagen etwa 1.000.000 Tutsi – teilweise mit dem Radio am Ohr und der Machete in der Hand. Lennart Laberenz zufolge, wäre der Völkermord ohne die Radiopropaganda nicht möglich gewesen. Moderne Propaganda mischte sich mit archaischer Gewalt und führte zu unglaublicher Brutalität.

 

Die Geschichte des RTLM, des „Hate Radio“, die Milo Rau nach intensiven Recherchen auf der Theaterbühne nachinszeniert hat, ist für mich eine erschreckende Radiogeschichte, die zwar keine Lieblingsgeschichte sein kann und doch eine sehr prägende Erzählungen darstellt, gerade weil sie in scharfem Kontrast zu meiner persönlichen Wahrnehmung des Radios steht.”

Timo Gertler, wissenschaftlicher Volontär im Museum für Kommunikation Frankfurt, hat zum Medium Radio, zwar keine Lieblingsgeschichte, aber vielleicht ergibt sich ja eine besondere Geschichte zur neuen Klimaausstellung.